Entwurzelt – Flucht aus Pommern -4-

 

Flucht aus Pommern

Vorwort | Liebeserklärung an Altwieck | Das Ende der Idylle | Das Grauen und die Barbaren | Der Familie entrissen | Die Odyssee | Lotte, liebe Lotte | Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck | Die neuen Herrscher | Die Flucht | Gen Westen | Das Wiedersehen | Die Sonne scheint wieder


Das Grauen und die Barbaren

Alle Leute in unserem Haus rückten zusammen auf einen engen Haufen. Angst und Panik brachen aus. Wir waren ohne Schutz dem Feind restlos ausgeliefert. Vogelfrei! Wieder kam ein neuer Trupp Russen herein. Meine Angst ging in Panik über und ich kroch unter die Matratzen, auf denen meine Eltern lagen. Ich und auch alle anderen hörten die Hilfeschreie der Kinder meiner Cousine (Hanne Streiter geb. Hoppe, Tochter meines Vaters Schwester). Alle fünf Kinder schrien: „Unsere Mutti haben die Russen mitgenommen.“ Mit brutaler Gewalt wurde sie ihren Kindern entrissen und auf den Dachboden geschleppt. Das gleiche Schicksal erlitt unsere Nachbarin Frau Koppka, Mutter von zwei Kleinkindern. Das Schreien der sieben Kinder ging erst nach Stunden in Winseln über. Was mit den Müttern passierte – das ist hier unbeschreibar. Angst und Entsetzen lähmte alle. Ein neuer Trupp Soldaten stürzte in das Zimmer. „Uri, Uri, Uri!“ schrien sie. Sie suchten Armbanduhren. Der alte Vater meiner Freundin, unser Nachbar Franz Panten zitterte am ganzen Körper, als er den Soldaten anstatt seiner Uhr einen Reparaturschein zeigte. Seine Uhr war in Köslin zur Reparatur. Es gab ein furchtbares Dementi. Nicht den Schein, die Uhr wollten sie haben. Mit vorgehaltener Pistole rissen sie ihn aus unserer Gruppe heraus. Immer lauter schrien sie: „Uri, Uri!“ Vor lauter Angst zeigte unser Nachbar immer wieder seinen Schein. Die Soldaten rissen unseren Nachbarn aus dem Bodenlager, stellten ihn an die Wand, um ihn zu erschießen. Erst nach sehr langer Zeit gelang es, das Missverständnis aufzuklären. Tobend und schimpfend zog die Horde ab. Franz Panten fiel total erschöpft zu Boden. Alle im Raum waren erleichtert. Keiner wollte auffallen, alle waren ganz leise geworden. Wir alle versuchten unbemerkt zu werden. Inzwischen kamen die Mütter, meine Cousine Hanni und Frau Kopka, zu ihren Kindern zurück. Sie waren total zerstört. Sie weinten nicht, sie wimmerten nur. Alle Kinder umarmten sie und hielten sie ganz fest. Sie legten sich rechts und links neben beide Mütter, die kleinsten quer über sie rüber. Zuerst kehrte Ruhe ein. Aber nur kurze Zeit! Frau Koppka bekam einen Nervenzusammenbruch, sprang auf und riss sich in den Haaren. Sie schrie und tobte und war durch gar nichts zu beruhigen. In unserem Raum brach wildes Chaos aus. Wir alle schrien jetzt mit: „Hilfe, Hilfe, Hilfe….“ Auch in allen anderen Zimmern schrien alle um Hilfe. Mit unserem Schreien hatten wir jedoch keine Hilfe erreicht. Wir hatten nur mehrere Russenhorden in unser Haus gelockt. Neue Kolonnen kamen herein und durchwühlten alles, sie suchten jetzt junge Mädchen. Alle mussten vom Fußboden aufstehen. Sie schauten jetzt unter die Matratzen. So fanden sie auch mich. In der Tür stand ein hoher russischer Offizier, schreiend schleppten die Horden mich zu ihm, er gab ihnen Befehl, mich die Treppe hoch in den zweiten Stock zu schleppen. Oben angekommen, kam mein Vater flehend und bittend die Treppe hoch. Drei Schüsse ganz dicht am Kopf meines Vaters vorbei, bat er um Gnade für seine Tochter. Diese drei Einschüsse sind bis heute noch in der Wand zu sehen. Dieser Offizier ließ Menschlichkeit walten. Alle Soldaten jagte er aus unserem Haus. Mein Vater und ich durften unbeschädigt auf unser Lager zurück. In unserem Haus wurde es wieder still. Hoffnung kam auf. Dieser Offizier, ein Mensch. Er würde uns helfen.

Als der Morgen graute, kam dazu Erleichterung. Die Helle belebte. Meine Cousine lag starr neben ihren Kindern. Als wir aus dem Fenster schauten, trauten wir unseren Augen nicht. Überall auf unserem Hof waren Gräben ausgehoben, in denen russische Soldaten mit Maschinengewehren saßen. Unrat, totes Vieh und Kessel mit angepochtem Fleisch lagen zerstreut herum. Viele Pferde, dazwischen, waren an Balken angebunden. Wir vermuteten, hier auf unserem Hof entsteht ein Pferdelazarett. Genau so war es! Unser großes Tor war weit aufgerissen. So konnten wir hindurch auf die Dorfstraße schauen. Wir sahen, wie die MGs der Panzer, die auf der Straße fuhren, auf alles schossen, was sich bewegte. Wir legten uns auf den Fußboden, damit wir nicht entdeckt wurden. Den ganzen Tag fuhren Panzer und Russentruppen durch unser Dorf Altwieck. Wir alle verharrten auf dem Fußboden und warteten auf ein Ende. Es dauerte sehr lange, bis endlich Ruhe eintrat. Wir fingen an, uns etwas zu erholen. Es wurde plötzlich draußen still. Alle atmeten auf einmal auf! Dieser Zustand änderte sich aber gegen Abend. Ein Trupp Russen stürzte herein. Dieses Mal suchten sie meinen Vater. Sie wussten sofort, wo er war und nahmen ihn mit. Flehen und Bitten half nichts mehr! Keiner durfte das Haus verlassen. Durch ein geöffnetes Fenster sahen wir, wie mein Vater mitten in unserer großer Wiese kniete. Die Pistole im Genick. Wir, viel mehr meine Mutter und ich, verstanden im gebrochenen Deutsch die Worte: „Wo ist das Loch, wo du alles vergraben hast? Wo?“ Wir beide begriffen sofort, was sie damit meinten! Unsere zwei großen vergrabenen Truhen, mit Wäsche, Silbersachen, Dokumenten, wertvollem Geschirr, Leinen und Stoffrollen. Das suchten sie. Beide Truhen hatte mein Vater fachmännisch von Fachleuten, die bei uns im Quartier vom Panzergraben bauen waren, im großen Hinterflur vergraben lassen. Wer dies an die Russen verraten hat, können wir nur vermuten! Nur ganz wenige vertraute Personen wussten davon und hatten beim Vergraben geholfen. Wir vermuteten auch Janka, die bei uns im Haushalt war. Noch immer kniete mein Vater in der selben Stellung vor den Russen, die ihn erschießen wollten, wenn er nicht sagte, wo das Loch wäre. Doch mein Vater sagte wiederholt in seiner Todesangst: „Ich weiß es nicht.“ Meine Mutter, Heinz, Rudi und ich konnten nicht helfen. Wir beteten und weinten. Im Morgengrauen ließen sie von ihm ab. Diese Nacht war grauenvoll. Sie war von Schrecken und Todesangst erfüllt. Wir dankten dem Herrgott! Unser Vater war gerettet. Nach totaler Erschöpfung kehrte Ruhe ein, bis zum Morgengrauen. Als es hell wurde, schauten wir aus dem Fenster. Überall standen Pferde, die an Balken angebunden waren. Dazwischen viele russische Soldaten. Tante Kempin, über achtzig Jahre alt, die Tante meiner Mutter (Lehrerwitwe in Altwieck) kam alleine, zwischen Russen und Pferden zu uns. Sie suchte Hilfe und Schutz in unserer Familie. Sofort machten wir ein Lager für sie am warmen Kachelofen. Sie war sehr froh, jetzt bei uns zu sein und nicht mehr alleine in ihrer Wohnung. Alle betreuten sie so gut sie konnten.

Ein russischer Kommandant mit Offizieren kam herein, ein Dolmetscher musste uns sagen: „Euer Hof ist jetzt Pferdelazarett und das Haus russische Kommandantur.“ Sofort mussten wir alles räumen. Alle raus!