Entwurzelt – Flucht aus Pommern -18-

 

Flucht aus Pommern

Vorwort | Liebeserklärung an Altwieck | Das Ende der Idylle | Das Grauen und die Barbaren | Der Familie entrissen | Die Odyssee | Lotte, liebe Lotte | Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck | Die neuen Herrscher | Die Flucht | Gen Westen | Das Wiedersehen | Die Sonne scheint wieder


Die neuen Herrscher

Meiner Mutter und meinem Bruder ging es langsam etwas besser. Sie konnten wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Ich bekam Mandelentzündung mit hohen Fieber und blieb über Nacht bei ihnen im Elternhaus. Mein Vater hatte mir ein Bett, im großen Zimmer, dicht am Fenster gemacht. Am nächsten Morgen wurde ich nicht durch russische Räuberbanden, sondern durch eine große Gruppe polnischer Zivilisten geweckt. Sie schauten durch alle fünf Fenster von außen herein. Wir schauten uns gegenseitig, durch die Fensterscheibe, in die Augen. Ich war so geschockt, dass ich nicht mehr weglaufen konnte. Sie kamen nicht in das Haus. Unter größtem Palaver besichtigten sie den ganzen Hof mit allen Wirtschaftsgebäuden. Sie maßen, sie schrieben, sie durchsuchten alle Gebäude. Diese Prozedur der polnischen Zivilisten dauerte Stunden. 

Mein Vater ahnte, was auf uns zukam. Er wusste, was dieser polnische Auftritt für uns bedeutete. UNSER HOF, DREIHUNDERT JAHRE FAMILIENBESITZ, sollte ab jetzt polnisch werden. Genau so war es, Altwieck wurde von Polen besetzt. Zu den ersten polnischen Besitzern gehörte Adam Adamczy mit einer großen Familie. Er hatte die freie Auswahl, er nahm den größten Hof, der ihm am besten gefiel, und das war unser Hof. Er hatte sehr gut gewählt! Erst später folgten die weiteren polnischen Besetzer. Wir mussten jetzt zu einem Entschluss in unserer Familie kommen. Raus, so schnell wie möglich. Ein Zimmer für meine Eltern, Rudi und Heinz, kein Obst, keine Kartoffeln, nichts Essbares mehr vom Hof. Arbeiten unter schlimmsten Bedingungen. Der Herr Adamczy war ein Chef ohne Herz und Gefühl mit sehr viel Hass. Frau Adamczy zeigte Menschlichkeit, sie brachte manchmal heimlich was Essbares meinen Eltern. Ich wohnte bei Hanni im kleinen Häuschen und durfte mich nicht mehr zeigen. Herr Adamczy durfte nicht wissen, dass meine Eltern noch eine Tochter, Cousine und fünf Kinder hatten. Wir alle wären seine Arbeitssklaven geworden. Wie ein Wunder bekam Hanni von einem Bahnmann eine Nachricht von ihrem Mann. Er war nach der Ausweisung aus der Türkei in Lindau am Bodensee gelandet. Er hatte dort bei der französischen Behörde Arbeit und eine Wohnung und wartete auf seine Familie. In der selben Nacht hielten wir Familienrat. Meine Eltern Rudi und mein Bruder mussten nach Damerow zu Tante Amanda und Onkel Otto fliehen. Bei der russischen Kommandantur in Damerow mussten sie Schutz vor den Polen suchen. Wir, Hanni und ich, und die fünf Kinder wollten in der kommenden Nacht in einen haltenden Zug, auf dem Altwiecker Bahnhof, einsteigen. Meine Eltern sollten unseren Plan Tante Amanda mitteilen. Sie sollte die gemeinsame Flucht von Damerow aus organisieren. So schnell sie konnten mussten sie uns das nachmachen, was wir ihnen vormachten. Die Flucht für acht Personen, meine Eltern, Bruder und Rudi, Tante Amanda, Onkel Otto, Cousine Ruthild und Vetter Horst, musste ganz geheim und unauffällig passieren. Wir alle wollten nur noch raus aus dieser Hölle.