Entwurzelt – Flucht aus Pommern -25-

 

Flucht aus Pommern

Vorwort | Liebeserklärung an Altwieck | Das Ende der Idylle | Das Grauen und die Barbaren | Der Familie entrissen | Die Odyssee | Lotte, liebe Lotte | Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck | Die neuen Herrscher | Die Flucht | Gen Westen | Das Wiedersehen | Die Sonne scheint wieder


Gen Westen -3-

Die Kinder waren sehr erwartungsfreudig, ihren Papa wieder zu haben. Ich ahnte nichts von den kommenden Problemen. Hannis Unsicherheit verstärkte sich in dem Augenblick, als ihr Mann nicht alleine auf uns zu kam. Seine Sekretärin und Freundin, Fräulein Raymund, war bei ihm. Er hatte sie aus Istanbul mitgebracht. Sie war so elegant angezogen, echter Pelzmantel, echter Schmuck, jung, groß, schlank, eine schöne, sehr gepflegte Frau. Jetzt erst begriff ich Hanni‘s Worte im Zug. Noch ehe ihn alle begrüßten, kam ein Ansturm von empörenden Gedanken in meinen Kopf. Er freute sich zwar, uns, mit mir jetzt sieben Personen, lebend wieder zu sehen, aber unser sehr herunter gekommener, ja verwahrloster Zustand, schreckte ihn ab. Auch seien wir Krankheitsüberträger, ohne keimtötende Duschen hielten beide großen Abstand. In der Anheggärstraße 14 bekamen wir eine große Wohnung. Es war Heiligabend, und wir freuten uns sehr auf den ersten gemeinsamen Gottesdienst. 

Ich musste mit allen Kindern alleine zur Kirche gehen, denn meine Cousine hatte mit ihrem Mann und Fräulein Raymund eine harte Auseinandersetzung. Meine Bindung zu Hanni wurde immer intensiver. Gegenüber ihrem Mann Georg aber hatte ich Hassgefühle. Er war in Lindau beruflich hoch angesehen, und nach außen hin wahrte er sein Gesicht einer wunderbaren, harmonischen, wiedergefundenen Familie. Er bekam viele Ehrenämter durch die französischen Behörden, darunter auch die Leitung von internationalen Großveranstaltungen. Überall präsentierte er uns als seine heile Familie, und wir bekamen die Ehrenplätze. So war es auch in einem riesengroßen Festzelt dicht am Bodensee. Aus der Schweiz, aus Österreich und Bayern tanzten, sangen und musizierten Trachtengruppen. Die Stimmung schlug hohe Bogen, die vielen Menschen genossen endlich wieder die Freude. So auch wir. Das allerletzte Lied aber, gesungen von Lale Andersen, ließ die Menschenmenge verstummen. Es wurde im riesengroßen Festzelt so atemberaubend still, jeder war wohl in seinen Gedanken versunken.

KRIEG, VERTREIBUNG, FLUCHT.
Maikäfer flieg, 
Der Vater ist im Krieg, 
Die Mutter ist im POMMERLAND,
POMMERLAND ist abgebrannt, 
Maikäfer flieg. 

Lindau, der Bodensee, die wunderbare Aussicht auf den Säntis und Pfänder gaben uns Lebensfreude. Nach vielen ärztlichen Betreuungen verbesserte sich auch unser körperlicher, geschwächter Zustand. Wir fanden in Lindau hilfsbereite, liebenswerte Menschen. Hanni, sie war ja Lehrerin, gab Schülerinnen Französisch-Unterricht, und einen Mittagstisch eröffnete sie später. 54 Zentner Kartoffeln haben wir in diesem Winter in unserer Küche verarbeitet und viele Zentner Abfalläpfel vom Bodensee dazu. Hanni tauschte Glühbirnen, die sie von Bekannten bekam, gegen Lebensmittel ein. Da wir dicht an einer Molkerei wohnten und mit den Besitzern besten Kontakt hatten, bekamen wir Extrazuteilungen an Milch und täglich Quark. Unser Speiseplan wurde von immer mehr Gästen angenommen und die Schülerzahl vergrößerte sich auch. Alle fünf Kinder fühlten sich wohl, sie hatten ein Zuhause in einer schönen Landschaft. Der Vater war selten anwesend, er war auf großen Geschäftsreisen. War er aber bei Tisch der Hausherr, dann achtete er auf allergrößte Etikette. Wir mussten so lange am Tisch stehen, bis er sagte, dass sich alle setzen sollen. Da immer nur einer ein sinnvolles, hoch tragendes Tischgespräch führen sollte, verstummten wir alle.

Waren hochrangige Geschäftsleute seine Tischgäste, wurde unsere „ungebildete“ Lage noch angespannter. Vor allen Tischgästen maßregelte er, “Hannefrau bitte, du musst unser Personal perfekter erziehen!” Sein Personal war ich, und den Kaffee hatte ich von der falschen Seite serviert. 

Ich spürte, meine Cousine war tief getroffen. Ich wollte ihr Beistand geben! Ich nahm die Kaffeekanne mit dem kochend heißen Inhalt, stellte mich hinter ihn und war im Begriff, alles über sein Haupt zu schütten! Hanni gab mir ein Zeichen, sie schüttelte den Kopf. Ihr zuliebe tat ich es nicht! Solche Spannungen gehörten zum Tagesablauf, wenn der Hausherr mal anwesend war! Ohne ihn waren wir eine liebevolle, harmonische, fleißige und fröhliche Familie. Einer konnte sich auf den anderen voll verlassen. Unser Arbeitsgebiet, die Kinder in der Schule, der größer werdende Mittagstisch und die Schülerzahl nahmen uns voll in Anspruch. Die wunderbare Bodenseelandschaft bereicherte uns in der Freizeit. Lindau war einfach schön. Meine so tapfere Cousine Hanni machte sich selbständig und ließ sich von ihrem Ehemann scheiden. So verging ein Jahr wie im Fluge. Immer noch hatten wir keinerlei Nachrichten von meinen Eltern, meinem Bruder, Rudi, Tante Amanda, Onkel Otto, Ruthild und Horst!