Entwurzelt – Flucht aus Pommern -20-

 

Flucht aus Pommern

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Die Flucht -2-

Weiter ging die Fahrt bis kurz vor der Stadt Stargard. Wieder verlangsamte sich die Fahrgeschwindigkeit, und ein neuer Überfall begann. Wieder erklommen neue Partisanen den Zug. Brutal bahnten sich die Räuberinnen, die Mehrzahl waren polnische Frauen, einen Weg durch die Flüchtlingsmenge. Dieser Überfall war noch brutaler. Alle Rucksäcke, Säcke, Taschen und Handgepäck flogen in hohem Bogen aus dem Zug. Mäntel und Kleidungstücke wurden den Flüchtlingen vom Leib gerissen, auch geschnitten. Die Partisanen arbeiteten mit krummen Messern, sie schnitten den Flüchtlingen die Kleider von oben bis unten vom Leibe. Dicht neben uns stand eine rundliche Frau aus Ostpreußen, wir sahen, wie ihre Kleider mit einem krummen Messer von oben bis unten aufgeschnitten wurden. Sie schrie immerzu: „Mannche, Mannche, nicht tiefer, das ist doch mein Korjetje.“ Meine Cousine war ihren Pelzmantel los, alle Kinder ihre Oberbekleidung und ich war Obenrum bis auf den Unterrock nackt.

Zwei Räuberinnen entdeckten unter meiner getarnten, alten langen Hose meine neuen Stiefel. Mein Vater hatte sie zu meinem 18. Geburtstag in Rügenwalde für mich arbeiten lassen. Sie waren mein letztes Wertvolles. Beide kämpften so brutal um diese Kostbarkeiten, dass mir beide Beine beim Schlagen, Treten und Reißen anschwollen. Meine wertvollen Stiefel war ich los, aber meine beiden Beine schmerzten so sehr, dass die Angst, nicht mehr laufen zu können, größer war als der Verlust meiner Stiefel. Alle Flüchtlinge waren ihrer letzten Habe ausgeraubt. Unsere 5 Kinder ohne warme Oberbekleidung, aber die alte, schmutzige Stoffpuppe mit ihrem wertvollen Inhalt hatte die Kleinste noch fest in der Hand. Hanni war Mantel und Jacke und alles Handgepäck los. Ich war bis auf den Unterrock entblößt, dazu barfuss. Beim nächsten polnischen Partisanenüberfall, weit hinter Stargard, veränderte sich die Situation. Wir wussten, dass die Feindschaft zwischen Polen und Russen viel größer war, als die zwischen Russen und Deutschen. Mitten in den Überfall stiegen uniformierte Russen ein. Meine Cousine flehte um Hilfe bei den russischen Offizieren. Als die Partisanen ihr die letzte Oberbekleidung vom Leibe rissen, griffen sie ein. Die russischen Offiziere rissen den Räuberinnen die gestohlenen Mäntel vom Leibe und sie bekam einen warmen Mantel zurück. Jetzt ging es umgekehrt los. Jetzt jagten die Russen mit militärischer Härte die polnischen Partisaninnen in die Flucht. Sie verließen wie die Ratten das ausgeräuberte Schiff. Wir hörten von draußen Schüsse und Schreie. Nach kurzer Weiterfahrt erreichte der Zug den Bahnhof Scheune, bei Stettin. Er traf im Morgengrauen dort ein. Scheune war die Endstation dieses total ausgeraubten Flüchtlingszuges. Alles raus, zum Teil nackt und bloß. Endstation!

Wir sprangen mit den Menschenmassen aus dem Viehwaggon, nahmen unsere fünf Kinder in unsere Mitte, hielten uns fest an den Händen und liefen um unser Leben. Alle Menschen liefen kopflos in verschiedene Richtungen. Wir sahen auf der Erde liegende Menschen, fliehende Mütter mit Säuglingen auf den Armen. Wir hörten schreiende, flüchtende Menschen und Schüsse von allen Seiten. 

Auf dem Bahnsteig lagen Unrat, leere Koffer, Taschen, Säcke und geraubte Kleidung meterhoch, darüber sprangen die in größter Panik fliehenden Menschen. Alle Flüchtlinge hatten ihr letztes Hab und Gut hier ausziehen müssen. Hier in der Endstation, SCHEUNE, war nicht die Vorstufe zur Hölle. Hier in der Endstation, SCHEUNE, war die HÖLLE. 

Wir, d.h. Hanni und ich, hatten die zwei kleinsten Mädchen fest auf unserm Rücken, die drei größeren fest an den Händen gehalten. Wir liefen um unser Leben so lange wir konnten. Nur weg aus dieser Hölle. Wir landeten auf freiem Feld. In der Ferne sahen wir eine Feldscheune, sie war erst mal unser Ziel. Die Scheunentür war offen, innen war Stroh, und wir krochen alle dicht aneinander hinein. Die Kinder schliefen vor Erschöpfung sofort ein, und wir fielen auch in einen langen Schlaf. Ab hier hatten wir kein Zeitgefühl mehr. Der Schlaf gab uns allen neue Kraft. Wir waren der Hölle „Scheune“ entronnen, das gab uns neuen Lebensmut.

Das Stroh in der Scheune hatte uns wunderbar gewärmt. Jetzt erst merkten wir, ich war zum Teil oben herum nackt und bloß. An den Füßen hatte ich nur Socken, keine Stiefel mehr. Meine Cousine hatte mir einen rotkarierten Bettbezug um die nackten Schultern gelegt, den sie in Scheune gefunden hatte. Den Kindern fehlte die warme Oberbekleidung und alle Mützen. Hanni hatte, dank des russischen Soldaten, ihren Mantel wiederbekommen. Sie entdeckte, oben im Scheunenfirst, einen schwarzen Mantel. Mit einer langen Stange holten die Kinder ihn herunter. Es war ein Schwalbenschwanz, Gehrock, sagte man bei uns. Ein Teil des hinteren Teiles war abgerissen. Ich zog ihn über meine nackten Schultern, er passte und er war warm. Den Kindern teilten wir den rotkarierten Bettbezug und wickelten sie oben herum damit ein. Wir fanden auch einen alten Männerschuh und einen Holzpantoffel für meine nackten Füße. So lange, bis wir großen Hunger bekamen, war diese Feldscheune für uns eine wärmende, erholsame Herberge. Dann marschierten wir weiter, Richtung Westen. Wir waren aber zuerst mal auf der Suche nach etwas Essbarem, und der Durst war noch schlimmer. So weit wir schauen konnten, freies Feld, kein Mensch. Wir waren ohne jegliche Orientierung. Waren wir noch in der polnischen Zone? Oder schon in der russischen Zone? Wir wussten es nicht!