Entwurzelt – Flucht aus Pommern -16-

 

Flucht aus Pommern

Vorwort | Liebeserklärung an Altwieck | Das Ende der Idylle | Das Grauen und die Barbaren | Der Familie entrissen | Die Odyssee | Lotte, liebe Lotte | Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck | Die neuen Herrscher | Die Flucht | Gen Westen | Das Wiedersehen | Die Sonne scheint wieder


Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck -2-

Wir machten trotz Übermüdung alle kein Auge zu, wir hatten alle zu viel zu berichten und der nächste Tag musste genau geplant werden. Hier in Göritz konnten wir zwei jungen Mädchen nicht bleiben, hier war kein Versteck auf längere Zeit möglich. Meine Eltern konnten vor Sorgen um mich, nicht bei den Russen täglich schwer arbeiten. Also mussten mir im Morgengrauen hier verschwinden. Mein Vater hatte einen guten Fluchtplan, er wusste ein sicheres Versteck, und das war nur in Damerow bei seinem Bruder und Schwägerin, Tante Amanda und Onkel Otto. Jeden Tag im Morgengrauen musste mein Vater geräubertes Frachtgut zum Verladen nach Russland zum Altwiecker Bahnhof bringen. Sein Bruder, mein Onkel Otto, musste dasselbe von Damerow aus machen. Beide Brüder hatten so engen Kontakt und konnten sich gegenseitig Hilfe leisten. Nachdem mein Vater uns über den schnellsten und ungefährlichsten Schleichweg nach Damerow aufklärte und es langsam dämmerte, verließen wir gemeinsam, mit meinem Vater, unser Versteck. Meine Mutter wollte nur, dass wir in Sicherheit kamen und Kontakt behielten. Tante Amanda sollte uns hinter dem Damerower Wald, im Hohlen-Grund, abholen. Mein Vater gab diese Nachricht seinem Bruder auf dem Altwiecker Bahnhof weiter. Ohne Komplikationen gelang uns dieser Fluchtweg. Meine Tante Amanda holte uns im Hohlen-Grund, dicht vor dem Schmidtschen Hof, in Damerow ab. Ungesehen brachte sie uns durch eine Hintertür in ihr Haus. Jetzt erst begrüßten wir uns, wir umarmten uns und dankten unserm Herrgott, dass wir in Sicherheit waren. Meine Tante war nicht nur für uns Mutter Courage, sie half, wo sie nur konnte. Über ihrer Waschküche hatte sie einen Versteckraum, in dem sie schon längere Zeit zwei junge Mädchen aus Ostpreußen, die an Typhus erkrankt waren, versteckte. Hier kamen auch wir hinein und durften sofort in ein richtiges Bett mit echten Federkissen einsteigen. Meine Tante brachte uns frische Milch und einen großen Teller Kartoffeln und Fleisch ans Bett. Wir waren nun so satt, so warm, so müde und fielen in einen langen Tiefschlaf. So ging es tagelang weiter, dazu noch Wasser und Seife zur Körperpflege und endlich Wäsche zum Wechseln. Wir erholten uns schnell und bekamen wieder Lust am Leben. Genau so war es den beiden jungen Mädchen aus Ostpreußen, die neben uns im Zimmer lagen, ergangen. Meine Tante war auch deren Lebensretter. Für uns 4 jungen Mädchen war meine Tante ein Vorbild, eine sehr tapfere Mutter Courage.

In ihrem Haus wohnte der russische Kommandant von Damerow. Kein russischer Soldat durfte ohne seine Erlaubnis das Gehöft betreten. Auf diese Art hatte ihre Familie und wir 4 jungen Mädchen, im Versteck, Sicherheit. Meine Tante, mein Onkel, ihre beiden jungen Kinder, Ruthild und Horst, durften im eigenen Haus ein Paar Nebenräume bewohnen. Mein Onkel war von ihm als deutscher Bürgermeister eingesetzt. Meine Tante war seine Aufsichtsperson für alle Ställe, die voller Milchkühe waren. Sie trug die volle Verantwortung für die Milchablieferung. Täglich zweigte sie Milch für hungernde deutsche Menschen ab, auch für uns 4 Mädchen. Ihre Freude, hungernde Menschen am Leben zu erhalten, war größer als ihre Angst. Jeden Abend bekamen wir von meinen Eltern und Hanni Nachricht, die uns mein Onkel Otto mitbrachte. Beide Brüder, mein Vater und Otto, trafen sich jeden Morgen auf dem Altwiecker Bahnhof. Beide, mein Vater aus Göritz, mein Onkel hier aus Damerow, mussten ja täglich dort Diebesgut zum Verladen nach Russland bringen. Wir hatten so direkten Kontakt, was für uns eine große Beruhigung war. Mit unseren beiden Zimmer- und Schicksalsgenossen, Mariechen und Elsbeth, hatten wir Freundschaft geschlossen. Unser sicheres Versteck, ein kleines Zimmer, war nun schon längere Zeit unser gemeinsames Zuhause. Eines Tages erhielten wir die Nachricht, dass unser Dorf Altwieck total ausgeplündert sei und die ehemaligen Bewohner zurück mussten. Genau so war es, Göritz wurde zwangsweise geräumt und alle Altwiecker konnten zurück in das total ausgeräuberte Dorf Altwieck.

Von meinem Vater bekam ich die Nachricht, „Morgenfrüh erwarte ich euch im Elternhaus in Altwieck.“ Das war aber ein reines Bravourstück für uns, denn wir hatten lange Zeit keinerlei körperliche Bewegung mehr gehabt. Meine Tante begleitete uns, Irma und mich, bis in den Dammerower Wald. Mein Vater holte uns am anderen Ende ab. Gemeinsam gingen wir, sehr vorsichtig, über unseren Hof ins Haus. Was für ein Eindruck, absolutes Chaos! „Wo sollten wir hier anfangen? Wo?“ Wir machten zuerst in der Küche mal ein Feuer an um was Wärmendes zu bekommen. Der Herd brannte und wir fanden einen Kessel für heißes Wasser. Mein Vater war in größter Sorge um mich. Er schaute mich immer an, und sagte mir immer wieder: „Mädchen, du bist so blass, du bist total unterkühlt und musst ein heißes Fußbad nehmen!“ Ich tat es, aber mein Zustand wurde nicht besser, sondern viel schlechter. Mir wurde es sehr übel und ich bekam große Schmerzen. Mein armer Vater schleppte mich zum alten Nachbarn Schröder, der noch in seinem kleinen versteckten Haus wohnte. Unser großes Haus wurde von allen Russen zuerst ausgeräubert. In einem kleinen unauffälligen Haus hatten wir mehr Schutz. Herr Schröder und mein Vater machten mir ein Bett zurecht und versuchten alles, um mir zu helfen. Mein Vater sprach mir Mut zu und beruhigte mich, aber meine Schmerzanfälle wurden immer schlimmer. Ich geriet in größte Panik, ich schrie vor Schmerzen und riss die Tapeten von der Wand ab. Dieser Zustand hielt bis zum Abend an. Bis zur beiderseitigen totalen Erschöpfung. Ich bekam einen Blutsturz, der nicht aufhörte. Aus dem Brunnen von dem alten Herrn Schröder holte mein Vater eiskaltes Wasser und machte mir ununterbrochen Umschläge, um das Blut zu stillen. Trotz aller Bemühungen, es war nicht zu stillen! Mein Vater wusste Rat! Tante Amanda, die Mutter Courage, musste kommen, sie war die einzige Hilfe. Rudi und Heinz waren inzwischen von Göritz gekommen. Sie mussten sofort los durch den dunklen Damerower Wald, unsere Tante Amanda holen. Nach Mitternacht kamen Rudi und Heinz mit Tante Amanda tatsächlich wohlbehalten an. Das war ein Bravourstück, dafür ist jeder Dank zu klein!