Entwurzelt – Flucht aus Pommern -14-

 

Flucht aus Pommern

Vorwort | Liebeserklärung an Altwieck | Das Ende der Idylle | Das Grauen und die Barbaren | Der Familie entrissen | Die Odyssee | Lotte, liebe Lotte | Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck | Die neuen Herrscher | Die Flucht | Gen Westen | Das Wiedersehen | Die Sonne scheint wieder


Lotte, liebe Lotte -2-

Auf unserem Hof standen alle Scheunentore offen. Alle Stalltüren von den Schweineställen, Kuh- und Jungviehställe, Pferde und Fohlenställe, Schafställe und alle Kleinviehställe waren offen und manche herausgerissen. Unser einst so schön gepflegter, großer Hof war nicht wiederzuerkennen. Ein reines Chaos! Überall Reste der Verwesung und Unrat. Kein Vieh mehr, nur vom Taubenschlag huschten noch ein paar Tauben über den Hof. Blanko und seine beiden Freunde merkten unsere tiefe Betroffenheit. Sie zeigten uns ihr Mitgefühl. Sie streichelten unsere Lotte und banden sie an ihrem Pferdestall fest. Wir gingen jetzt durch die weit geöffnete Haustür in unser Wohnhaus. Es war ein sehr großes, stabiles Haus und zeigte von außen keinerlei Kriegseinwirkungen. Mein Großvater hat für Kinder und Kindeskinder hier ein großes, sehr stabiles Familiendomizil erbaut. Das Dach aus blauem englischen Schiefer. Fünfzig Doppelfenster, vierzehn, zum Teil große Zimmer. Im Hinterflur ging unser erster Blick auf unseren treuen Hofhund Bello. Er war schon in Verwesung übergegangen. Er hatte sein Zuhause nicht verlassen! Zur rechten Seite des Vor- und Hinterflurs waren alle Türen weit offen. Zur linken Seite waren einige Türen zu. Hier waren die Zimmer von meiner Cousine Hanni und ihren fünf Kindern. Sie hatte nach der Flucht aus der Türkei bei uns Aufnahme bekommen. Ihre Möbel und alle Regale mit ihren vielen Büchern waren in diesen Zimmern. Hinter den Büchern versteckte meine Cousine oft Süßigkeiten für ihre Kinder. Auch waren hier viele wertvolle alte Möbel unserer Großmutter drin, denn es war ihre ehemalige Altenteilswohnung. Nach dem ersten Schock folgte jetzt der zweite. Wir trauten unseren Augen nicht, als wir in unseren unteren Kellerraum schauten. Hier waren mehrere Zuchtsauen hinein gefallen, die sich gegenseitig zerfleischten. In diesem unteren, versteckten Kellerraum hatten wir unser ganzes wertvolles Geschirr und große Milchkannen mit Sirup und Schmalz versteckt. Die Truhen mit dem Geschirr waren umgekippt und mit den Scherben hatten sich alle Tiere geschnitten und bluteten. Alle Milchkannen waren ebenfalls umgekippt und in dem Sirup hatten sie sich rundherum gesuhlt. Sie leckten und bissen sich gegenseitig den Sirup ab. Alle Zuchtsauen waren bis zum Knochengerüst abgemagert. Es war ein Bild des Schreckens! Wir hatten keinerlei Möglichkeiten, diese bedauernswerten Kreaturen zu befreien.

In unserer großen Küche herrschte ein absolutes Chaos. Überall standen Kübel mit verwesten Fleischresten aus der Zeit, als sich die russische Kommandantur hier eingenistet hatte. In all den anderen Zimmern, im ersten und zweiten Stock unbeschreibliches Chaos. In unserem großen, dem Festzimmer, lag kniehoher Unrat, Papiermengen und Lumpen. Alle massiven Eichenmöbel waren unbeschädigt. Das große massive Buffet, das kleine Buffet, die 12 lederbezogenen Stühle, der große massive Tisch, 2 Sofas, standen unbeschädigt im Zimmer. Die große Standuhr fehlte. Am Kronleuchter fehlte eine Schale. Das große massive Buffet war so schwer, man konnte es nur mit mehreren handfesten Männern bewegen. Es war beiseite geschoben und die versteckte Tür dahinter eingeschlagen. In diesem dunklen Raum hatten meine Eltern alle wertvollen Gegenstände von uns, meiner Cousine, unseren Verwandten aus Berlin und Cousine Trudchen versteckt. Alles war geplündert! Alles war weg! Im Hinterflur waren die von uns neu verlegten Fliesen unberührt. Das war für mich ein Zeichen, die vergrabenen Eichentruhen darunter waren bisher noch nicht entdeckt worden. In beiden massiven, eisenbeschlagenen Eichentruhen war feinste, selbstgewebte Leinenwäsche, wertvolle Silberbestecke, teures Porzellan und alle Dokumente. Kurz bevor die russischen Kampftruppen Altwieck besetzten, wurden diese wertvollen Familienschätze hier im Hinterflur vergraben. Im Wohnzimmer fand ich zwischen allem Unrat und Papieren mein Abschlusszeugnis von der Landfrauenschule Rügenwalde und die Urkunde von meinem bestandenen Sportabzeichen in Sellin, auf der Insel Rügen. Beide Dokumente nahm ich mit. Auch fand ich noch einige Sachen zum Anziehen, die wir ebenfalls mitnahmen. Vor aller Aufregung hatten Irma und ich nicht auf die mit weißer Farbe beschriebenen Flurtüren geachtet. Meine Mutter hatte auf mehrere Türen mit weißer Kreide geschrieben: „Liebe Tochter, wir mussten nach Görlitz fliehen, komme nach.“ Jetzt hatte ich die Bestätigung, die Gewissheit, meine Eltern und Familie sind in Göritz. Sofort stand mein Plan fest, so schnell es geht, rücke ich aus! Meinen festen Entschluss sagte ich sofort Irma: „Morgen früh rücken wir nach Göritz aus!“

Jetzt kam Blanko mit seinen beiden serbischen Helfern uns abzuholen. Er gab uns den Befehl, die Pause ist jetzt zu Ende. Jetzt sofort die Hühner beim Nachbarn Neumann einfangen. Wir banden unsere Lotte vor ihrem Pferdestall los, ich streichelte sie noch mal und dann fuhren wir ab. Das war für uns beide ein sehr schmerzlicher Abschied. Beim Nachbarn Neumann stand unser zweiter Wagen. Die russischen Soldaten hatten schon tüchtig geräubert. Ihr Wagen war hochvoll mit Kleinvieh. Im hinteren Stall, hinter dem großen Neumanns-Hof war noch ein Hühnerstall voller Hühner. Wir mussten mithelfen sie einzufangen und sie in die Säcke stecken. Als alle eingefangen waren, liefen alle noch mal ins Wohnhaus um zu räubern. In dieser Zeit öffnete ich einen Sack und ließ alle Hühner in den Stall zurücklaufen. Ich wollte meinen lieben Nachbarn bei ihrer Heimkehr was Essbares hinterlassen. Jetzt kamen alle mit viel geräuberten Sachen zurück und luden alles auf unseren Wagen. Blanko, seine beiden Landsleute, Irma und ich oben drauf und ab ging die Fahrt nach Schübben-Zanow. Es war genau dieselbe Strecke zurück wie die Hinfahrt: Altwieck, Neuwieck, Staatsforst, Schübben-Zanow. Die ganze Rückfahrt hatte ich unsere Lotte vor unserem Wagen im Blickfeld. In Gedanken überlegte ich den genauen Fluchtweg nach Göritz. Ich konnte gar nichts anderes mehr wahrnehmen. Nach langer Fahrt kamen wir vor unserem großen Kuhstall in Schübben-Zanow an. Blanko fuhr mit unserer Lotte weiter. Ich winkte ihr nach. Es war ein Abschied für immer. 

Irma und ich mussten sofort in den Kuhstall, unsere 15 Kühe melken. Unsere Kuhmajorin wartete schon auf unser Eintreffen, sie trieb uns zu größter Eile an. Ihr lautes Schimpfen und Toben nahm ich nicht mehr auf, in meinem Kopf war nur noch mein Fluchtplan. Als wir Mädchen zur Nachtruhe auf unseren Apfelrosten lagen, sagte ich ihnen meinen Fluchtplan. Zuerst waren alle voll begeistert, alle wollten mitkommen, alle wollten aus dieser Hölle raus! Als ich dann aber sagte: „Im Morgengrauen, morgen früh flüchten wir“, da wurde es sehr unruhig bei uns. Es gab ein großes Durcheinander. Einige bekamen Bauchschmerzen und erbrachen vor Aufregung. Andere sagten: „Uns fehlt der Mut. Wir schaffen es einfach nicht!“ Irma war alles egal, sie machte was ich sagte.