Entwurzelt – Flucht aus Pommern -12-

 

Flucht aus Pommern

Vorwort | Liebeserklärung an Altwieck | Das Ende der Idylle | Das Grauen und die Barbaren | Der Familie entrissen | Die Odyssee | Lotte, liebe Lotte | Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck | Die neuen Herrscher | Die Flucht | Gen Westen | Das Wiedersehen | Die Sonne scheint wieder


Die Odyssee -2-

Ein besonderer Tag auf diesem Gut, in Schübben-Zanow, war mit einmal ein arbeitsfreier Tag. Wir begriffen nicht, warum? Die Russen schossen andauernd Freudenschüsse in die Luft, sie tanzten in Gruppen, sie tranken Wodka und sangen aus vollen Kehlen. „Heute nix Rabboti, heute ein großes Fest.“ Zwei Russen kamen auf mich zu und legten mir ihre Maschinenpistole, eine Kalaschnikow, auf die rechte Schulter, gaben drei Freudenschüsse in die Luft. Ich schrie und konnte ab hier nichts mehr hören, geschweige noch sehen. Beide hüpften und tanzten und lachten sich halbtot über meinen Zustand. Lange dauerte es, bis ich wieder in den normalen Zustand kam. Langsam konnte ich wieder sehen, aber mit dem Hören hatte ich lange Zeit Schwierigkeiten. Ich hatte immer noch keine Ahnung, was geschehen war. Da kam Blanko und erzählte uns, dass die russischen Truppen Groß Berlin erobert hätten. Sie paradierten durch das Brandenburger Tor. 

„Heute ist der 8. Mai, heute ist der Krieg gewonnen, heute ist Deutschland kaputt, alle Russen feiern Freudenfeste, alle Siegermächte auch! KRIEGSENDE, Deutschland hat kapituliert!“ Wir begriffen so gut wie gar nichts, denn wir fassten keinen klaren Gedanken mehr. Blanko schenkte uns ein großes Stück Butter. Wir sollten in einem kleinen Tagelöhnerhaus, wo noch ein alter Herd stand, ein Festmahl kochen. Er brachte auch Enteneier mit, die er am Teich gefunden hatte. Wir gingen noch mal um den Teich und fanden tatsächlich noch einige Enteneier. Dicht am Teig war ein Stück Land, wo Spargelkraut drauf war. Ich kannte es von zu Hause und buddelte mit den Händen Spargelstücke aus. Jetzt halfen alle mit und wir bekamen ein Paar Hände Spargel zusammen. Im Tagelöhnerhaus, an einem total verrosteten Herd, legte Blanko ein Feuer. Es brannte! Wir fanden auch eine alte Pfanne. Jetzt begann das Festmahl! Die Eier wurden in Butter gebraten. Es gab frischen Spargel mit Butter dazu. Wir holten unseren italienischen Studenten und schmausten gemeinsam an unserem Festmahl. Mir wurde es sehr übel, das schöne Festmahl war mir nicht bekommen. Bis zum melken legte ich mich hinter die Kuhkrippe im Kuhstall in das Stroh. Der italienische Student passte auf, bis die polnische Kuhmajorin zur Kontrolle kam. Sie hatte eine Festuniform mit vielen Orden an und schritt in Siegerpose und peitscheknallend durch den Stall. Wir erkannten unsere absolute Ohnmacht und Vogelfreiheit noch mehr. Erst als wir abends auf unseren Lattenrosten lagen, wurde uns dieser 8. Mai 1945 voll bewusst. 

In den nächsten Tagen kamen immer mehr Kühe von allen umliegenden Dörfern hier ins Sammellager. Die umliegenden Wiesen waren voller Kühe, zum größten Teil waren sie krank. Wir Mädchen mussten jetzt zwischen die Kühe gehen und Kühe aussuchen, die noch einigermaßen gesunde Euter hatten, um sie zu melken. Die Prozedur war nicht einfach! Die meisten Kühe schlugen vor Schmerzen aus, denn ihre Euter waren dick geschwollen. Sie gaben Eiter statt Milch. Dicht neben den Wiesen waren die Gleise der Bahnstrecke Danzig-Berlin. Wir sahen ein paar Menschen auf den Gleisen arbeiten. Beim nahe herangehen merkten wir, es waren deutsche Streckenarbeiter unter Aufsicht eines jungen russischen Soldaten. Sie riefen auch schon meinen Namen. Sie hatten mich erkannt. Unter ihnen waren Leute aus Altwieck, die zur Streckenarbeit eingeteilt waren. Einen Herrn Kirchhoff erkannte ich wieder, er war früher Bahnbeamter auf dem Bahnhof in Altwieck. Wir trauten unseren Ohren nicht, was sie uns berichteten. Sie riefen uns zu: „Deine Eltern leben! Sie sind in größter Sorge um dich. Die ganze Familie ist nach Göritz geflohen. Altwieck ist menschenleer!“ Beim Weitergehen riefen wir uns gegenseitig „alles, alles Gute“ zu. Sie konnten nicht weitersprechen, sie mussten weitergehen und arbeiten. 

Ab sofort schmiedete ich Pläne in meinem Kopf. Wir rücken hier aus, so schnell wir können. Wir laufen immer durch die Wälder bis Göritz. Meinen Plan erzählte ich zuerst Irma Friedewald, die ja auch aus Altwieck war. Irma hatte zu nichts mehr Lust. Ihr Wille war schon sehr gebrochen und sie wollte gar nicht mehr leben. Ich bearbeitete sie aber so sehr, bis sie ermuntert wurde. „Mach was du willst“, sagte sie. „Hier bleibe ich nicht mehr, ich komme mit.“ Vom Melken auf der freien Weide mussten wir zurück in den Stall, unsere 15 Kühe melken. Blanko kam zu uns in den Stall. Er stellte für den nächsten Tag Treiber zusammen. Sie sollten mit den Russen und ihm mitfahren, um Kleinvieh, Hühner, Gänse, Enten und alles, was noch greifbar war, aus den deutschen verlassenen Häusern zu holen. Ich fragte ihn sofort: „Wo geht es denn diesmal hin?“ Er sagte, nach Altwieck und Umgebung. Ohne zu überlegen sagte ich ihm, dass Irma und ich in Altwieck zu Hause sind, und ich fragte, ob wir mitkommen könnten. Wir haben nichts mehr zum Anziehen und brauchen unbedingt Kleidung und Wäsche zum Wechseln. Wir wollen uns zu Hause etwas suchen! Ich brauchte gar nicht lange bitten. Er sagte: „Ja, ihr zwei könnt als Eintreiber mitkommen!“