Entwurzelt – Flucht aus Pommern -10-

 

Flucht aus Pommern

Vorwort | Liebeserklärung an Altwieck | Das Ende der Idylle | Das Grauen und die Barbaren | Der Familie entrissen | Die Odyssee | Lotte, liebe Lotte | Flieg‘! Die Rückkehr nach Altwieck | Die neuen Herrscher | Die Flucht | Gen Westen | Das Wiedersehen | Die Sonne scheint wieder


Der Familie entrissen -4-

Wenn eine kleine Pause entstand und anscheinend der Zug eine Lücke hatte, sahen wir ein Bild des Grauens. Ein paar verhungerte, total erschöpfte, zerlumpte, deutsche Soldaten. Sie hatten einen Besen in der Hand und mussten die Pferdeäpfel zur Seite kehren. Wir hatten uns Brot versteckt, das wir von den russischen Soldaten bekommen hatten. Unbemerkt versuchten wir es unseren deutschen Soldaten zuzustecken. Für uns waren dies die traurigsten Bilder, die wir wohl niemals vergessen werden! Wir fühlten unsere totale Ohnmacht, so ein Leid zu sehen und nicht helfen zu können! Auf der einen Seite die glorreiche Siegesparade auf dem Weg durch Zanow nach Berlin, dazwischen das absolute Elend. Furchtbar in meiner Erinnerung! 

Immer mehr russische Soldaten wurden jetzt auch in unserer Großküche verpflegt. Nachts mussten wir uns schützen, aber wie? Wir hatten eine lange Dachleiter entdeckt. Im Hinterhof waren viele Flachdächer. In der Dunkelheit stiegen wir hoch und zogen die Leiter ebenfalls hoch aufs Flachdach. Vorsichtig stiegen wir auf andere Dächer. Wir verhielten uns sehr leise und horchten immer wieder, ob keine Gefahr im Verzug war. Auf einem Hinterdach legten wir uns zum schlafen nieder. Mit einmal entdeckten wir aus einer kleinen Dachluke einen Lichtschein. Wir standen auf und schlichen dicht heran und hörten leise Stimmen. Wir vermuteten, hier hätten sich russische Soldaten versteckt. Bei genauem Hinhören erkannten wir aber deutsche Worte, sogar ganze deutsche Sätze konnten wir verstehen. Es waren Männerstimmen. Ganz leise klopfen wir an die Luke und sagten leise: „Helft uns! Wir sind vier deutsche Mädchen“ Zuerst einmal totale Stille. Als wir uns wiederholten, ging die Luke auf und wir krochen hinein. Drinnen saßen drei deutsche Soldaten im Versteck vor den Russen. Es war eine unbeschreibliche Situation. Wer sollte wem jetzt helfen? Erstmal freuten wir uns sehr, unter Landsleuten zu sein. Wir schworen uns, einer hilft dem anderen. Aber wie? Die drei deutschen Soldaten waren in einer noch größeren lebensbedrohenden Gefahr als wir vier deutschen Mädchen. Fast bis zum Morgengrauen haben wir gemeinsam geweint und auch manchmal gelacht, bis es unter uns sehr laut wurde. Türen wurden eingeschlagen, wir hörten laute russische Stimmen. Ehe wir zur Besinnung kamen, krochen wir zurück auf das Flachdach.

Draußen wurde es schon hell. So schnell wir konnten, krochen wir über die Dächer. Wir mussten ja früh in der Küche sein. Hinter uns hörten wir Schüsse, Schreie und eine wilde Hetzjagd. Was war mit unseren drei deutschen Soldaten geschehen? Wir ahnten Schreckliches. Wir hörten Schreckliches. Mehr kann ich nicht sagen. Ganz verstört kamen wir mit unserer Leiter wieder auf den Erdboden herunter. Vor dem Morgengrauen und vor unseren polnischen drei Vorgesetzten waren wir auf unserem Arbeitsplatz in der Küche. Gott sei Dank, keiner hier unten wusste etwas von unserem nächtlichen Versteck. Die folgenden Tage verliefen wie vorher. Von morgens bis abends zogen in Achterreihen die Siegerparaden an uns vorbei. Die Reichsstraße 1, Königsberg – Berlin, führte direkt durch Zanow. Von morgens bis abends hörten wir immer dieselbe Marschmusik. Unsere Großküche versorgte jetzt die vorbeiziehenden Siegerverbände. In allen großen, ehemaligen Waschkesseln wurden riesengroße Fleischmengen mit Kartoffeln und Salz gekocht. Ein viertel der Suppe war klares Fett, das neben großen Fleischmengen bevorzugt gegessen wurde. Immer wenn die Siegerparadetruppe eine Pause machte und keine Marschmusik von den Kosaken erklang, wurden viele Soldaten in unserer Großküche mit Suppe versorgt. Die Suppenausgabe erfolgte in hunderten von Blechnäpfen. Als Nachtisch nahmen alle Wodka in Mengen zu sich. Danach reihten sie sich beim nächsten Paradezug wieder ein. Unsere drei polnischen Vorgesetzen passten genau auf uns vier Mädchen auf. Nur wenn einmal keine russischen Soldaten in der Küche waren, schikanierten sie uns aufs gemeinste. Bei den russischen Soldaten fanden wir Schutz gegen diese drei polnischen Damen. Jeden Tag kam ein junger russischer Soldat das Essen für den russischen Kommandanten in der gegenüberliegenden Kommandantur abzuholen. Dieses Essen wurde auf einem Tablett angerichtet. Es waren Innereien, die ebenfalls in den großen Fleischkesseln mit gekocht wurden. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, aß er erst mal selber eine Portion oben ab. Wenn er uns sah, legte er uns auch eine Portion hin. Er wartete so lange, bis wir es aufgegessen hatten. Wir hatten dauernd Angst, sollten die drei Damen es bemerkt haben, bekamen wir Hiebe! Nach der Massenverpflegung sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Überall leere Wodkaflaschen und überall unbeschreiblicher Unrat. Ein reines Chaos!

Immer wieder versuchten wir, in den Paradepause, unseren deutschen Gefangenen, zerlumpten Soldaten, etwas Essbares zuzustecken. Manchmal klappte es und wir freuten uns. Wir vier Mädchen sprachen auch oft von den drei deutschen Soldaten, die oben auf dem Flachdach Furchtbares erlebten! Ab hier trennten sich unsere Wege.

Wir vier Mädchen wurden auseinander gerissen. Es ging alles so sehr schnell, wir konnten uns nichts mehr sagen, nicht einmal Auf Wiedersehen. Meine Freundinnen Meta und Anneliese wurden von einem russischem Militärauto abgeholt. Ab ging die Fahrt ins Ungewisse! Ehe wir, Irma Friedewald aus Altwieck und ich, alles begriffen hatten, wurden auch wir beide in ein anderes russisches Millitärauto geladen. Ab ging auch mit uns die Fahrt ins Ungewisse!