Walfang in Brunsbüttel

 

einigkeit-von-brunsbuettelVon 1817 bis 1823 fuhr die Dreimastbark „Einigkeit von Brunsbüttel“ auf Wal- und Robbenfang in den Gewässern um Spitzbergen. An dem Schiff war mein Vorfahr Harder Detlef Petersen mit vier Actien beteiligt. Man nannte ihn in der Familie „den Seefahrer“. Über den Brunsbütteler Walfang kann man nachlesen in dem Buch von Wanda Oesau „Schleswig-Holsteins Grönlandfahrt“.

Harder Detlef Petersen

Mein UrUrUrUrUrGroßvater Harder Detlef Petersen

Unter der Leitung des Landesbevollmächtigten Peter Hinrich Piehl wurde 1817 die „grönländische Gesellschaft“ gegründet, 13 Aktionäre brachten 32 Aktien im Wert von 32.000 Courant (96.000 lübische Mark) mit ein. In Hamburg wurde ein 1797 in England gebautes „dreimastiges Barkschiff“ aus starkem Eichenholz erworben und auf den Namen „Einigkeit von Brunsbüttel“ getauft. Es war eines der größten Walfangschiffe der Westküste, maß 293 Registertonnen, hatte zwei Decks, sieben Schaluppen (schmale Ruderboote) und eine Jolle. Im Winter lag es vertäut am heutigen Sportboothafen in Brunsbüttel. Hier lag auch das Packhaus; die Trankocherei befand sich außendeichs gegenüber der heutigen Erbsenwerft. Zur Ausbeutung des Wal- und später auch des Robbenspecks brachten die Walfangschiffe die Fässer zum Ausbrennen in die Trankocherei. Diese musste mit ihren kupfernen Pfannen einerseits in Nähe des Schiffs-Anlegeplatzes und andererseits wegen des Trangestanks fernab von Wohnvierteln liegen. Tran wurde zur Beleuchtung, zu Heilzwecken und bei der Speisenzubereitung verwendet.

Boye Boysen wurde mit der Führung des Schiffs beauftragt. Er stammte von der Insel Föhr und stand somit in der Tradition der unzähligen nordfriesischen Kapitäne auf den Grönlandfahrern. Insgesamt war die Besatzung auf der ersten Fahrt 52 Mann stark. Mit 15 Jahren war der Kajütwächter Johann Gebert jun. der jüngste Matrose an Bord. Dass allein 19 Föhrer mitfuhren, erklärt sich so: Boysen hatte gewünscht und die Ermächtigung erhalten, sich selbst nach „erfahrenen und kundigen Leuten“ umzusehen. Denn die Reederei war „zu diesen Chargen kein Freund von den jungen Kerls ohne Erfahrung, die an zu zittern fangen, wenn sie beim Fisch kommen“, folglich suchte und rekrutierte er Matrosen auf seiner Heimatinsel.

Die Aktionäre der 'grönländischen Gesellschaft

Die Aktionäre der „grönländischen Gesellschaft“

Folgende Mengen an Lebensmitteln wurden beschafft: 2000 Pfund Butter, 2200 Pfund geräucherter Speck, 1000 Pfund Weizenmehl, 4000 Pfund Hartbrot und 4000 Pfund Weichbrot. Lebensmittellieferanten waren zum Teil die Reeder (Aktionäre) selbst. In einem Beschluss vom 23. November 1818 heißt es: „Mitreeder Petersen hat einige dänische Schweine aufgesetzt, um das erforderliche Speck zur nächsten Schiffs­ausrüstung zum allgemeinen Marktpreis liefern zu können.“ Desweiteren mussten besorgt werden: Brennholz, 36 Faden, 14 Daum dick, neu gefertigt; Fässer mit Beschlag und Fassungsvermögen von 200 bis 226 Pfund; Fässer mit hölzernem Beschlag (kleine Fässer); Walfangleinen, diese wogen jeweils 170 Pfund; neue Harpunen; Harpunenstöcke und sogar ein Fass Bier (148 Liter).

Das Schiff wurde, von regelmäßigen kleinen Schäden einmal abgesehen, durch eine Havarie im Jahr 1822 besonders stark beschädigt Über diese Fahrt findet sich folgendes im Bord-Journal (Auszüge):

1. März: „Lasierten die Elbe auf, um 8 Uhr ging der Commandeur nach Glückstadt mit 1 Schellupe wegen der Midis. Liste etc. um 9 Uhr ging zum Anker unter Krüsandt auf 10 Faden Wasser. Kregen 2 Evers an Bord mit Prov. und Fempte all uns Wasser was mir Fehlte.“

3. März: „Morgens 10 Uhr ging unter Seil, wind Syld. flau und still. Mittags 12 1/2 Uhr passirte Brunsbüttel und Sallutierten mit 13 Schos.“

4. März: „Segelte die Elbe aus, um 8 Uhr unsere Briefe an einen Fischer Ever anbord Bracht Segelten im Namen Gottes in See.“

11. März: „Wehde Ein fligen Sturm. Holle See … Wehede Ein völlig Orcan. Das Schiff arbeittede sehr viel schlingerte … verlor unsre B. Bord Schalup.“ Sie verloren noch mehr. Vieles wurde verschlagen. Der Klyver Baum stampte ab (Sie mussten ihn mit vieler Mühe loskappen und an Deck holen).

14. März: Ankunft in Bergen. „Ein Seilmaker kam an Bord wegen die Vog und Klyver.“

15. März: Die Zimmerleute brachten die Schaluppen in Stand. Es stellten sich noch mehr Schäden heraus, sodaß die Reparaturen erst am 26. März beendet waren. Dann segelte das Schiff wieder aus.

Walfang zu damaliger Zeit

Walfang zu damaliger Zeit

10. Mai: Die Besatzung sah, dass das Eis voll alter Robben lag. Da zunächst schöne Witterung war, machten sich die Walfänger mit sechs Schaluppen auf den Weg. Die Robben wurden erlegt und alle Boote gefüllt. Plötzlich aber begann der Wind hart zu wehen, so daß die Ruderboote an Bord signalisiert wurden. Vier Schaluppen kriegten sie glücklich nach oben, aber zwei konnten es nicht schaffen. Nur die Mannschaft und einige Geräte konnten gerettet werden. Doch noch mehr Unglück traf die „Einigkeit von Brunsbüttel“: Durch das Stoßen des Eises brach das Steuer.

11. Mai: Man versucht, das Steuer einzuhängen, doch der Sturm wehte so hart, dass es nicht gelang. Der Kapitän musste das Schiff treiben lassen.

12. Mai: Ein neuer Versuch glückt; um 8 Uhr abends hängt das Steuer.

14. Mai: Eine Schaluppe wird wiedergefunden, wenn auch „viel romponiert“.

1. August: Die Walfänger segeln in den Brunsbütteler Hafen.

Obwohl das Walfangunternehmen so erfolgversprechend anfing, musste es im Jahre 1824 eingestellt werden. Bereits zu der Zeit waren die gewaltigen Meeresriesen in ihrem Bestand so stark dezimiert, daß sich die Jagd mit den damals möglichen Fangmethoden kaum rentierte. Schon im zweiten Jahr (1818) ging der Fang fast um die Hälfte zurück. Und das Jahr 1819 brachte nur noch 4733 Courant Ertrag. Die Reederei war geneigt, die Grönlandfahrten aufzugeben und das Schiff zu verkaufen. Da man aber keinen annehmbaren Preis erzielen konnte, wurde die Fahrt noch zwei Jahre fortgesetzt, bis man endgültig (weit unter Wert) verkaufen musste. Die Abschlussrechnung ergab letztendlich einen Verlust von insgesamt 446.854 Courant!

Trotz der kurzen Zeit kann man die Geschichte der Brunsbüttler Grönlandfahrt inhaltsreich nennen, und wenn diese Fahrt auch durch schlechte Fänge und schwere Seeschäden einging, so können die Brunsbütteler doch stolz auf sie sein; denn sie zeugt von Wagemut und Unternehmungsgeist, brachte Leben und Betrieb in den kleinen Ort. Am „Alten Hafen Nr. 9“ erinnert heute nur noch ein kleines Schild mit der Aufschrift „Wal-Eck“ an das große Unternehmen.