Feuersturm in Hamburg

 

Max TiedemannAm 24. Juli 1943 flog die britische Luftwaffe unter dem Codewort „Operation Gomorrha“ einen Bombenangriff auf die Stadt Hamburg, der als „Feuersturm“ in die deutsche Geschichte einging. Mehr als 700 Bomber mit tausenden Spreng- und Brandbomben verwandelten zahlreiche Stadtteile in eine Trümmerwüste. Innerhalb von zehn Tagen wurden vier Angriffe geflogen – mindestens 35000 Menschen wurden getötet, 250000 verwundet und eine Million obdachlos. Max Tiedemann, der Bruder meines Großvaters Erwin, erlebte dieses Inferno hautnah und hielt seine Erinnerungen schriftlich fest. 

„Ein strahlender Juliabend ging seinem Ende entgegen. Im Westen verabschiedete sich Frau Sonne mit ihren goldenen Strahlen von der Hansa-Stadt. Die durch die Hitze und des Tages Arbeit ermüdeten Menschen suchten in Parks, Anlagen und Gärten Erholung. Die Straßen wimmelten von Spaziergängern. Die Jugend lachte und scherzte. Mancher hatte wohl für den morgigen Sonntag seinen Plan und seine Verabredung getroffen. Auch wir hatten uns mit Freunden verabredet und kurz vor Mitternacht zur Ruhe begeben.

Plötzlich wurden wir durch das Heulen der Sirenen aus dem Schlaf geweckt, nicht ahnend was unser schönes Hamburg diese Nacht erleben sollte. Wir begaben uns sofort in den Luftschutzkeller, wo sich außer der Hausgemeinschaft noch ein paar hundert Menschen einstellten. Nach kurzem hörten wir schon das Brummen der Motoren und bald setzte auch die Flak ein. Ein paar schwere Abschüsse, dann mittlere, dann leichtere, immer schneller folgten die Abschüsse und im Nu hatte sich ein mächtiger Sperrgürtel von berstenden Granaten entgegengestellt. Jetzt fielen auch schon die ersten Bomben. Es wurden immer mehr und sie kamen immer näher. An den Detonationen merkten wir, dass Bomben aller Kaliber fielen. Unser Haus schwankte, hob sich und senkte sich wieder, Mauern rissen, Wände kippten um, Steine und Geröll kollerten das Treppenhaus hinunter. Unsere Kellerinsassen machten entsetzte Gesichter, wurden unruhig. Kinder und Mütter weinten und schmiegten sich dicht zusammen, einige wollten rauslaufen und wir hatten alle Hände voll zu tun, die Leute zu beruhigen. Ein Hund kam hereingelaufen, er zitterte und blutete an den Pfoten. Er wurde schnell verbunden. Es ging alles rasend schnell.

Als der erste Sturm über uns ergangen war, liefen wir beide schnell auf den Boden. Wir waren noch nicht oben, da kam schon die zweite Welle. Ungeachtet dessen setzten wir unseren Weg fort. Auf dem Boden lagen verschiedene Brandbomben, sie wurden schnell gelöscht. Eine schnelle Kontrolle durch alle Wohnungen und schnell ging es wieder in den Keller.

Draußen tobte ein Inferno, das Krachen der Bomben, Detonationen der Granaten, Einstürzen der Häuser, das Knistern der Flammen, die durch den Wind aufgepeitscht wurden – alles zusammen vermischte sich zu einem unheimlichen Getöse. Kaum war eine Viertelstunde vergangen, als wir wieder eine zweite Kontrolle vornahmen. In dieser kurzen Zeit, da wir im Keller waren, stand unser Dachgestühl in Flammen. Ungeachtet des noch immer wütenden starken Angriffs und der noch überall fallenden Bomben fingen wir sofort mit drei Mann an zu löschen. Ein vierter unserer Hausgemeinschaft eilte in den Keller, um als Verstärkung die Brandwache des Finanzamtes, auf dessen Boden der Brand wütete, zu holen. Trotz wiederholter Aufforderung kam sie erst, als der Brand von uns fast gelöscht war.

Hamburg brannte an allen Ecken und Enden.Als wir nun sahen, das für unser Haus keine Gefahr mehr bestand, haben wir unsere Frauen und noch ein paar Männer auf die verschiedenen Stockwerke und Böden verteilt, damit sie aufpassen konnten, dass durch den Funkenflug keine Brandherde entstehen würden. Wir selber gingen mit noch einem verwundeten Soldaten in die Nachbarschaft, um dort zu helfen, wo zu helfen war – sei es zu löschen oder Ware aus Geschäften zu bergen.

Es war schon lange Tag, wenn auch über Hamburg keine Sonne aufgegangen war. Rauch und Asche hüllten die Stadt ein, als wir in unsere Wohnungen zurückkehrten, wo nun die Arbeit begann. Gemeinsam kehrten wir nun aus den Wohnungen die Steine und Mörtel der zerrissenen und umgefallenen Wände. Danach besorgten wir Pappe und nagelten diese vor sämtliche zerbrochenen Fenster in den Wohnungen und im Treppenhaus. Nachdem wir die leeren Behälter wieder mit Wasser gefüllt hatten, war es ziemlich spät geworden und wir legten uns ermattet zur Ruhe. Diese Nacht hatten wir Ruhe.

Befürchtend, dass noch mehr solche Angriffe folgen würden, verließen viele Männer, Frauen und Kinder mit und ohne Habe, zu Fuß, per Rad, Auto, Wagen oder Lastwagen unsere Stadt. Es war ein endloser Flüchtlingsstrom, der teilweise auf freiem Feld sein Nachtquartier aufschlagen musste.

In der kommenden Nacht weckten uns wieder die Sirenen aus unserem Schlaf und wieder ging es in den Luftschutzkeller, in der Hoffnung, Hamburg möge dieses Mal nicht so schlimm heimgesucht werden. Unsere Hoffnung war aber bald zu Ende, denn wieder ging das Detonieren der Granaten und das Prasseln der Bomben los. Wieder gingen wir auf den Boden und wieder brannte alles. Wir bewaffneten uns mit Feuerpatschen, Sand und Wasser und taten unsere Pflicht. Nachdem wir Herr des Feuers geworden waren, während noch immer Bomben fielen und in der Nachbarschaft noch immer neue Häuser einstürzten und neue Brände sich entfalteten, gingen wir wieder unter Zurücklassung von Funkenflugwachen, die unser Haus fortwährend abpatroullierten, in die Nachbarschaft. Wir haben dann noch lange in den folgenden Tag hineingelöscht. Unser Verdienst war, dass wir noch drei Häuser mit Hilfe einiger anderer Leute vor der Zerstörung durch die Flammen gerettet hatten, auch Ware hatten wir viel herausgeschleppt. Hier muss ich erwähnen, dass ein Hitlerjunge Albert Gerlach uns sehr tapfer zur Seite gestanden hat.

Eigentlich hatten wir ja nun genügend erlebt und durchgemacht, aber das Schicksal wollte es anders. Der dritte Terrorangriff ging auf Hamburg nieder, das noch immer gegen die Brände kämpfte und immer wieder versuchte, den neuen eindringenden Feind abzuwehren. Unser Haus erhielt unzählige Brandbomben, und da wir nur zwei Mann waren, hatten wir alle Hände voll zu tun, um dieser Brandherde Herr zu werden. Die beiden letzten Nachbarhäuser, die in den vorangegangenen Nächten verschont geblieben waren, brannten lichterloh, aber wenn wir aufpassten, schien für uns keine Gefahr mehr zu bestehen. Wir machten laufend Patrouillengänge durch das ganze Gebäude und waren stolz, unser Haus gerettet zu haben.

Als wir wieder vom Boden kommend sämtliche Wohnungen durchgingen, empfing uns zu unserem größten Entsetzen in der vierten Etage eine derartige Stichflamme, dass wir uns dort selbst in die Wohnung retten mussten, die aber sofort in Brand stand. Wir flüchteten ins Badezimmer und waren dort eingesperrt. Jetzt musste der Entschluss gefasst werden, entweder zu verbrennen oder den Sprung von der vierten Etage in den Nachbarhof, der ungefähr vier Meter seitlich durch eine Mauer von unserem Hof getrennt war, zu wagen. Durch unser linkes Nachbarhaus, welches in dieser Nacht auch vollständig niedergebrannt war, war unser Hof nur noch ein Flammenmeer und wir durften den Sprung gerade runter nicht wagen. Wir sind auch über die Mauer gekommen, wo wir nach 2 1/2 stündiger Bewusstlosigkeit uns bemerkbar machen konnten und gefunden wurden. Nach verschiedenen Irrfahrten von einem Krankenhaus ins andere wachten wir unter den Händen des Arztes im Oldesloer Kreiskrankenhaus wieder auf, wo wir jetzt unserer Genesung entgegengehen.“